Eine Besucherin aus dem Emmental setzte sich in unserem Showroom hin, begrüsste uns in waschechtem Bärndütsch — und bat dann die Live-Übersetzung, genau diesen Satz auf Englisch zu übersetzen. Was auf den Gläsern erschien, war eher geraten als übersetzt. Das ist kein Ausrutscher, den ein Firmware-Update behebt — es ist ein echtes Problem, und es verdient eine ehrliche Antwort statt eines Marketing-Achselzuckens.
Kurze Antwort: Verlassen Sie sich nicht darauf. Die Live-Übersetzung der Even G2 ist, wie fast jede kommerzielle Spracherkennung, auf Hochdeutsch ausgelegt — auf Audiodaten und Text in Standarddeutsch. Schweizerdeutsch ist kein einzelner Dialekt mit einer Standard-Schreibweise, sondern eine Familie regionaler Dialekte (Züritüütsch, Bärndütsch, Baseldytsch, Wallisertiitsch und mehr), die man ständig spricht, aber selten so schreibt, wie man sie ausspricht. Wie gut eine Spracherkennung mit breitem Dialekt zurechtkommt, hängt von der sprechenden Person, dem Kanton und davon ab, wie nah die Aussprache am Hochdeutschen bleibt — und wir haben keine Genauigkeitszahlen zu nennen, weil niemand, der diese Technologie ehrlich verkauft, eine saubere Zahl dafür hat. Die einzig ehrliche Antwort: Testen Sie Ihren eigenen Dialekt — und den der Menschen, mit denen Sie tatsächlich sprechen werden —, bevor Sie sich für etwas Wichtiges darauf verlassen.
Warum Schweizerdeutsch ein grundsätzlich anderes Problem ist
Moderne Spracherkennungs- und Übersetzungssysteme lernen aus riesigen Mengen an gepaarten Audio- und Textdaten — Millionen Stunden Sprache, die einer Abschrift zugeordnet sind. Hochdeutsch bietet diese Datenmenge: Nachrichtensendungen, Hörbücher, untertitelte Videos, Webtexte, alles in einer gemeinsamen, standardisierten Schreibweise. Schweizerdeutsch grösstenteils nicht. Es ist eine Alltagssprache ohne offiziellen Schriftstandard — zwei Personen aus demselben Kanton schreiben dasselbe Wort womöglich auf drei verschiedene Arten, wenn man sie darum bittet, und jemand aus Zürich und jemand aus dem Wallis können einander dazu noch fast unverständlich klingen. Das ist keine Kritik an den Dialekten — es ist schlicht ein viel kleineres, viel unordentlicheres Trainingsproblem als Hochdeutsch, und Spracherkennungen, die für den Massenmarkt gebaut sind, werden auf der Massensprache trainiert.
Was das für die Übersetzungsfunktion der G2 bedeutet
Die eigene Dokumentation von Even zur Live-Übersetzung — die wir in unserem Überblick zu Übersetzungsbrillen ausführlicher behandeln — listet die Zielsprachen, in die übersetzt wird; sie führt Schweizerdeutsch nirgends als erkannte Ausgangsvariante auf, und wir haben auch sonst keine Aussage von Even gefunden, die das behauptet. Das ist unsere redaktionelle Einschätzung, keine ausdrückliche Aussage von Even — aber sie passt zu dem, wie Spracherkennungen in der ganzen Branche gebaut werden: Normalisierung auf die nationale Standardsprache, nicht auf die regionale gesprochene. Die Übersetzung ist zudem eine Cloud-Funktion — was das Erkennungsmodell tut, passiert auf einem Server, nicht auf der Brille. Es gibt keinen versteckten «Schweizerdeutsch-Modus» in der Firmware, den man einschalten könnte.
Womit Sie in der Praxis rechnen sollten
In unserem Showroom liegen die Ergebnisse quer durch die Bank — und genau das ist das ehrliche Muster, nicht ein Fehler, den man melden müsste. Wer eher in Richtung einer standardnäheren Aussprache tendiert — jenes Deutsch, in das viele Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer für eine fremde Person oder eine formelle Situation wechseln können — erhält tendenziell Ergebnisse, die näher an dem liegen, was man mit reinem Hochdeutsch bekommen würde. Wer breiten, schnellen, idiomreichen Dialekt spricht, voller Wörter, die es im Hochdeutschen schlicht nicht gibt, bekommt eher eine Übersetzung, die teilweise stimmt, teilweise verunstaltet ist oder gelegentlich einfach falsch. Dialektwörter in einen sonst eher hochdeutschen Satz zu mischen — im Alltag völlig normal — bringt eine weitere Schicht Unvorhersehbarkeit hinein. Das ist keine Eigenheit von Even; es ist dieselbe Herausforderung, an der jeder Sprachassistent und jede Übersetzungs-App für den deutschsprachigen Markt arbeitet.
Was Sie vor dem Kauf wirklich testen sollten
- Bringen Sie die Sätze mit, die Sie tatsächlich brauchen würden — eine Arbeitsformulierung, eine Reisefrage, einen Familiengruss — nicht einen neutralen Testsatz für ein App-Store-Screenshot.
- Testen Sie in Ihrem natürlichen Sprechtempo und Ihrer normalen Lautstärke, nicht in einer verlangsamten «Ich rede mit einem Computer»-Stimme.
- Wenn Sie es vor allem mit Familie oder Kolleginnen und Kollegen mit einem anderen Dialekt nutzen wollen, bringen Sie sie mit oder eine Aufnahme — die Genauigkeit hängt stark von der sprechenden Person ab.
- Vergleichen Sie einen eher hochdeutschnahen Satz direkt mit einem stark dialektalen — so sehen Sie die tatsächliche Lücke, statt sie zu vermuten.
- Prüfen Sie beide Seiten, falls relevant: wie gut Ihr Dialekt verstanden wird, und wie verständlich der übersetzte Text dann auf den Gläsern erscheint.
Das dauert im Showroom Zürich nur wenige Minuten — mit Ihrem eigenen Handy und Ihrer eigenen Stimme, denn nur das ist der ehrliche Test. Ein Demovideo mit der Stimme einer anderen Person sagt nichts über Ihre eigene aus.
Also: kaufen, verzichten oder vorher testen?
Kaufen Sie mit einigermassen ruhigem Gewissen, wenn Sie die Live-Übersetzung vor allem für fremdsprachige Gespräche brauchen — die Dialektfrage betrifft Sie dort kaum, weil Sie selbst eine Sprache sprechen, von der klar ist, dass sie kein Schweizerdeutsch ist.
Überlegen Sie zweimal, wenn der ganze Sinn des Kaufs darin besteht, breiten Schweizerdeutsch-Dialekt zuverlässig in eine andere Sprache übersetzt zu bekommen, ohne Toleranz für gelegentliche Fehltreffer. Genau dort ist die heutige Technologie am schwächsten — nicht nur bei diesem Gerät.
Testen Sie immer vorher, wenn die Dialekt-Handhabung auch nur in die Nähe Ihres Entscheidungskriteriums kommt. Vergleichen Sie, was in der ganzen Kategorie realistisch ist, in unserer KI-Brillen-Datenbank, und bringen Sie dann Ihre eigene Stimme in den Showroom, statt einem Datenblatt zu vertrauen, das zu dieser einen Frage ehrlicherweise niemand sauber schreiben kann.
Offenlegung: AI-Eyewear ist der autorisierte Schweizer Reseller von Even Realities. Wir sagen Ihnen lieber jetzt, dass die Dialekt-Erkennung unvorhersehbar ist, als dass Sie es mitten in einem wichtigen Gespräch entdecken.